Celia Deane-Drummond: In Adam all Die?


Guest lecture by Prof. Dr. Celia Deane-Drummond, Notre Dame (Indiana): In Adam all Die? Questions at the Boundary of Community Evolution, Niche Construction and Original Sin.

13.5. 2015 C14.001, 12 c.t.

AFFE UND ADAM – GASTPROFESSORIN REFERIERT ZU EVOLUTIONSBIOLOGIE UND THEOLOGIE

15.05.2015 Lässt sich in Anbetracht von Evolution sinnvoll vom Garten Eden und Sündenfall sprechen? Die Biologin und Theologin Prof. Dr. Celia Deane-Drummond von der University of Notre Dame (Indiana/USA), die unter anderem die Europäische Bischofskonferenz berät, geht in ihrer Forschung dieser Frage nach und hielt am 13. Mai an der Leuphana einen Gastvortrag zum Thema „In Adam all die? Questions at the boundary of niche construction, community evolution and original sin”.

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Die Geschichte von Adam und Eva ist jedem bekannt: Über ihre religiöse Bedeutung hinaus ist sie Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Dass die Menschheit mit einem Pärchen begann, welches nackt und zufrieden in einem Garten lebt, dann etwas Dummes tut, die Schuld dafür einander („die Frau, die Du mir gegeben hast, war’s“) und der Natur („die Schlange war’s“) zuschiebt, aber nicht selbst eingesteht, den Garten verlassen muss und sich anschließend Kleidung anzieht, hat für uns immer noch eine narrative Plausibilität.

EVOLUTION UND RELIGION

Gleichzeitig wissen wir aber, dass es Evolution gibt, ein graduelles Anpassen und Verändern von Spezies. Deane-Drummond betont, dass die Evolution dem Menschen keine Sonderstellung gönnt: Der Homo Sapiens Sapiens ist nur einer in einer ganzen Reihe von Primaten, jemand der erst ganz zum Schluss dazu kam und über lange Zeit hinweg nur eine kleine Population neben seinen sehr viel zahlreicheren und körperlich besser ausgestatteten Verwandten stellte. Ganz offensichtlich passen diese beiden Diskurse nicht direkt zusammen. Dabei ist die Geschichte von Eden für das Christentum nicht bloß eine unter vielen, sondern eine zentrale, da es ohne Adam und den Sündenfalls keine Erlösung bräuchte. Umso wichtiger ist, dass die Theologie angeben kann, wie diese beiden Dinge zueinander passen: „Theology that wants to be relevant needs to follow science“ (Deane-Drummond).

Grundsätzlich gab es immer wieder Versuche, organisierte Religion, die im Übrigen erst vor etwa 10.000 Jahren auftauchte und damit in der Geschichte der Menschheit ein vergleichsweise neues Phänomen ist, und Evolution zu verbinden – zum Beispiel evolutionssoziologisch: Die Vorstellung eines strafenden Gottes mag gruppenpsychologisch vermieden haben, dass Individuen sich einer Gemeinschaft anschlossen, ohne selbst etwas beizutragen. Religion führt also zu Altruismus und Altruismus trägt zum Überlegen der Gruppe bei. Obwohl derlei Deutungen eine gewisse Berechtigung haben, sind sie theologisch unfruchtbar, da sie Religion funktionalisieren und ein individualistisches Menschenbild zementieren.

WANDEL IN DER EVOLUTIONSFORSCHUNG

Deane-Drummond ist selbst Biologin, sie forscht zur Physiologie von Pflanzen, und kann bei der Frage nach der Vereinbarkeit von Survival und Sündenfall auf die neusten Forschungsergebnisse zurückgreifen. Sie weist darauf hin, dass es in der Evolutionsforschung einen Wandel gegeben hat: Während Darwin noch davon ausging, dass Evolution eine Sache von Fressen und Gefressen werden, von „claws and fangs“ und dem Gesetz des Stärkeren sei, hat sich dieses Bild hin zu einer stärkeren Betonung von niche construction/Nischenkonstruktion gewandelt. Dies bedeutet, dass Evolution darin besteht, dass sich Gemeinschaften eine Nische schaffen, d.h. selbst den Selektionsdruck der Umwelt verändern, was besonders gut an Bibern oder Ameisen zu sehen ist. Es ist nicht so, dass sich Organismen an die Umwelt anpassen müssen, sondern vollständige Systeme von Organismen und Umwelt entwickeln sich gemeinsam. Gegenüber dem Egoismus als Motor der Evolution unterstreicht die neuere Evolutionsforschung die Interaktion stärker. Homo Sapiens Sapiens, auffällig schmächtige Trockennasenaffen, überlebten ihre stärkeren Verwandten, weil sie in Angesicht der Gefahr, die von Tieren und ihrer Umwelt ausging, kooperierten.

ADAM UND EVA ALS GEMEINSCHAFT

„Adam“ und „Eva“ sind theologisch nicht als Individuen zu verstehen, sondern sie repräsentieren die menschliche Gemeinschaft und Aspekte von dieser. „Adam“ stammt vom hebräischen Wort für „Erde“ und „Eva“ vom hebräischen Wort für „Leben“. Evolution hat, gemäß der neuen Evolutionsforschung, nicht Individuen, sondern Gemeinschaften zum Gegenstand – und genau dies ist auch das Thema der Geschichte vom Garten Eden: Der Sündenfalls lässt sich als das unvermeidliche Auseinanderbrechen der ursprünglichen Gemeinschaft deuten und die Erbsünde als ein Hineingeboren werden in eine fragmentierte, zerbrochene Gemeinschaft. Diese ursprüngliche, nicht gestörte Gemeinschaft war dabei historisch niemals gegeben. Vielmehr handelt es sich theologisch um eine versprochene Möglichkeit. Erlösung ist dann die „Rückkehr“ zur „verlorenen“ Gemeinschaft bzw. die zukünftige Realisierung dieser noch nicht realisierten Möglichkeit; dies ist auch die Botschaft des Christentums. Dabei sind Eden und der Sündenfall weniger einer kollektive, verschwommene Erinnerung an die Kindheit der Menschheit als narrative Theologie und Anthropologie.

Zu ihren Ergebnissen kommt die Wissenschaftlerin, indem sie ihre beiden Disziplinen miteinander in Verbindung gesetzt hat: „Interdisciplinarity is important and exciting, it is a space to work and it leads to innovation.“